Lerntheorien

Lerntheorien sind ein abstraktes, gedankliches, manchmal wissenschaftliches Konzept, das die Wirklichkeit zu erklären versucht.
Lerntheorien sind Theorien, die theoretisch funktionieren müssten, es jedoch praktisch häufig nicht tun.

Wo kommen Theorien her, wie sind sie entstanden?

Wir Menschen haben alles in uns: Wissen, Denken, Intuition. Die Natur ist perfekt eingerichtet, es ist alles da. Damit gibt sich der Mensch jedoch nicht zufrieden. Er möchte belegen, beweisen, Dinge erklären, die nicht erklärbar sind. Und sind sie nicht erklärbar, so sollen sie nicht sein.

Die Menschheit hat sich immer weiter von der Herzebene entfernt und ist mehr ins Analytische, in die Kopfebene, übergegangen.
Dabei entstand unter anderem die Theorie, man solle einen Hund, der sich vom Menschen entfernt hat, bereits mehrmals gerufen wurde und erst verspätet zurück kommt, auf keinen Fall bestrafen. Er könne diese Bestrafung nicht verknüpfen, würde die Bestrafung auf das Zurückkommen, also seine letzte Aktion der Handlungskette, beziehen. Die genauen Zusammenhänge und Vorgänge im Gehirn konnten längst wissenschaftlich dargestellt werden.

So viel zur Theorie. Wie schaut das Ganze in der Praxis aus?

Was geschieht in einem intakten Rudel?

Das Rudel ist unterwegs, ein Rudelmitglied entfernt sich. Der Rest der Gruppe geht weiter, ohne davon Notiz zu nehmen. Der Abtrünnige bemerkt die immer größer werdende Entfernung zum Rudel und kehrt zur Gruppe zurück. Die Gruppe reagiert mit einem riesen Hallo. Da wird geknurrt, geblockt, ausgebremst, in die Luft geschnappt und der Abtrünnige bekommt eine Ansage von allen. Der Abtrünnige nimmt eine Demutshaltung ein, beschwichtigt, zollt Respekt und bittet darum wieder Teil der Gruppe sein zu dürfen. Wenn er pfiffig ist, war das die Erste und auch die Letzte Entfernung aus der Gruppe.

Was geschieht in einer Mensch-Hund-Beziehung?

Der Hund entfernt sich, der Rudelführer Mensch hilflos, wild gestikulierend, bittet, bettelt, ruft, besticht mit Futter. Es sind zahlreiche Tipps im Umlauf. Die Stimme solle möglichst hoch sein, sollte eher freudig, gar lustig klingen, es darf auf gar keinen Fall Ärger mitschwingen. Den Namen bitte laaang ziehen, am geeignetsten seien Namen mit einem i in der Mitte oder am Ende, das Ganze solle doch bitte melodisch klingen, sich möglichst über eine Oktave erstrecken. Ich begegne, nein besser gesagt, ich höre Hundebesitzer, die einsam und verlassen am Feldrand stehen, in der Luft rumfuchteln und ein Mindestmaß an Musikalität vorausgesetzt, den Namen ihres Hundes singen. Frisbee, Ball, Zerrtau und eine riesengroße Auswahl an Lieblingsleckerlies – gesamte Sortiment im Angebot. Irgendwann hat der Hund genug von seinem Ego-Trip und bequemt sich zurückzukommen. Das Ganze wird musikalisch begleitet mit einem „Feeeeiiiiiiiiiiiiiin“. Ist er dann endlich wieder da, gibt’s noch schnell nen Keks in die Schnute.

Wie weit entfernt ist unser Verhalten, im Gegensatz zu dem ursprünglichen, natürlichen Verhalten, das ein Hund in einem Rudel zu erwarten hat?
Wie kontrovers sind die Botschaften, die wir an unsere Hunde senden? Wie klein machen wir uns aus der Sicht des Hundes, wenn wir versuchen, uns für ihn interessant zu machen?

Wir wissen, was im Kopf des Hundes passiert, welche Gehirnhälfte anspringt, welche Hormone ausgeschüttet werden, welche chemischen Prozesse ablaufen… Wir wissen so viel… und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen haben wir das Gefühl für die einfachen, ursprünglichen Dinge aus den Augen verloren.