Mein Weg aus der Ohnmacht

In bestimmten Situationen lähmte mich Handlungsunfähigkeit. Meine beiden Hunde führten immer wieder Reinszenierungen meiner ungelösten Themen aus der Kindheit herbei. Situationen, für die es in meiner Kindheit keine Lösung gab.
Bei Spaziergängen waren beide Hunde zunächst bei mir. Louis gab sich jedoch hin und wieder selber frei und lief auf andere Menschen zu.
Er machte das nur bei Menschen, deren Angst vor Hunden bereits auf 100 m Entfernung spürbar war. Also genau bei den Menschen, bei denen ich es auf keinen Fall wollte.
Diese waren meist in Begleitung eines weiteren Menschen, der die unterdrückte Wut des handlungsunfähigen Opfers lautstark zum Ausdruck gebracht hat. Die verbalen Angriffe und Beschimpfungen lähmten mich. Ich stand da, völlig eingefroren und handlungsunfähig.
Sobald die Situation vorüber war, taute ich langsam wieder auf.
Und dann kam sie, die Wut. Wut auf meinen Hund, der nicht tut, was ich will. Wut auf den unverschämten Menschen, der mir gegenüber ausfallend geworden war. Wut auf meine eigene Unfähigkeit.
Sobald die Wut verflogen war, kamen Schmerz, Hoffnungslosigkeit und das Gefühl des Versagens.
Begegnungen dieser Art gab es immer wieder und ich wollte, dass dieser Wahnsinn aufhörte. Ich wollte nicht mehr von diesen Gefühlen überrollt werden.
Zunächst habe ich viel Zeit und Energie darauf verwendet, die Situation im Außen in den Griff zu bekommen. Ich hatte wundervolle Szenarien in meinem Kopf, wie souverän ich in Zukunft reagieren würde. Ich beschäftigte mich mit den unterschiedlichsten Trainingsmethoden. Ich suchte im spirituellen Bereich nach der Lösung. Ich nahm mir vor, beim nächsten Mal nicht in die Ohnmacht zu gehen. Wenn mich das nächste Mal jemand beschimpfen würde, dann, ja dann würde ich mal richtig ausfallend werden.
Womit ich mich nicht beschäftigte, waren die Ursachen meiner Ohnmacht. Anstatt mich mit meinen inneren Zuständen zu befassen, beschäftigte ich mich mit der äußeren Situation.
Ich versuchte zu verstehen, warum sich der Hund selber freigibt: Wo ist der Punkt, an dem ich den Kontakt zu ihm verliere?
Dazu kann ich heute sagen, der Kontakt riss genau dann ab, wenn ich nicht mehr in Kontakt mit mir selbst war.
In dem Moment, als ein anderer Mensch auf der Bildfläche erschien, ging mein vegetatives Nervensystem in Alarmbereitschaft. Registrierte ich Angst beim Gegenüber, stieg ich komplett bei mir selbst aus.
Mein Hund spürte, dass ich nicht mehr in der Lage war, die Gruppe zu führen, er registrierte meine Angst und meine eingeschränkte Handlungskompetenz. Er übernahm in diesem Moment die Führung und ging nach vorne, um zu überprüfen, ob das, was auf uns zukam, tatsächlich Lebensgefahr bedeutet.
Nach einer langen Suche bin ich auf die Polyvagaltheorie gestoßen und habe die Folgen eines Entwicklungs- und/oder Bindungstraumas in der Tiefe verstanden. Sie beschreibt die biochemischen Vorgänge, die während und nach einem Trauma im Körper vor sich gehen. Ich habe unter anderem verstanden, dass es rein physiologisch gar nicht möglich ist, im shutdown verbal zu reagieren, da dieses Hirnzentrum in diesem Zustand inaktiv ist. Der Weg aus der Ohnmacht ist mental nicht möglich. Es ist rein physiologisch nicht möglich, das Nervensystem über Gedanken zu regulieren.
Der Weg aus der Ohnmacht geht nur über den Körper. Die Speicherung ist die Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit der Kindheit. Es war damals die Realität. Ich habe Gewalt erfahren, Flucht oder Kampf waren nicht möglich. Um zu überleben, hat mein Nervensystem für einen shutdown gesorgt.
Mein System hing also noch immer in der Kindheit fest – weder Kampf noch Flucht sind möglich. Mein System brauchte dringend ein update. Es ging darum, neue Erfahrungen zu machen.
Mein Fokus beim Spazieren gehen war nun darauf ausgerichtet wahrzunehmen, in welchem Zustand sich mein Nervensystem befand.
Sobald ich einen Anstieg meiner Herzfrequenz, ein Angstgefühl oder Unbehagen in mir wahrgenommen habe, habe ich für Sicherheit gesorgt. Ich habe mich umgedreht und habe mich entfernt.
Durch dieses aktive Tun, durch die Bewegung des Körpers, konnte sich die Energie, die bereitgestellt wurde, um zu kämpfen oder zu fliehen, entladen. Das Nervensystem pendelte sich in seinen natürlichen Zustand von Ruhe und Sicherheit ein.
Der Körper hat erfahren, dass er nicht mehr schutzlos ausgeliefert ist. Durch diese neuen Erfahrungen konnte das vegetative Nervensystem nachreifen. Die Reizschwelle, wann es eine Situation als gefährlich einstuft, regulierte sich nach unten.
Erst dann war der Weg frei, in solchen Situationen handlungsfähig zu bleiben.