Warum ich meine Angst nicht auflösen konnte

Angst ist eine gesunde Reaktion des Körpers bei Gefahr. Angst ist kein Gefühl, sondern ein Körperzustand. Droht Gefahr, setzt der Sympathikus den Körper in erhöhte Leistungsbereitschaft. Die Herzfrequenz steigt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Gefühle wie Traurigkeit oder Schmerz durch Fühlen transformieren. Bei Körperzuständen funktioniert das nicht.
Körperzustände unterliegen dem autonomen Nervensystem und das lässt sich nicht willentlich steuern.
Nach meiner Traumatherapie irrte ich in der spirituellen Szene umher. Der sich wiederholende Rat: „Fühle die Angst, gib ihr Raum, lasse sie da sein, nimm sie an.“ Und das habe ich getan. Monatelang, ohne dass sich grundlegend etwas verändert hat. Es war der blanke Horror und vor allem völlig sinnlos.

Für mich war der Rat, die Angst einfach nur zu fühlen, der Supergau.

Denn meine Erfahrungen in der Kindheit waren:

ich bin alleine und muss alleine zurecht kommen
ich muss stark sein, keiner darf meine Schwäche sehen

Das Fühlen der Angst bestätigte meine tiefsten Überzeugungen und führten zu einer Retraumatisierung.
Ich war wie immer allein mit meinen inneren Zuständen.

Bei mir gab es eine Verknüpfung, die lautet: Kontakt bedeutet Lebensgefahr. Das war meine Realität in der Kindheit. Um als Kind emotional zu überleben, musste mein System das Grundbedürfnis nach Nähe und sicheren Verbindungen abspalten. Alles, was ich alleine machen konnte, kam mir gelegen. Ich ging nur noch in Kontakt, wenn ich keine andere Wahl mehr hatte. Das Grundbedürfnis eines jeden Menschen nach Nähe und sicherer Verbindung wurde somit nicht gestillt, aber ich konnte überleben. Es war also lediglich eine Scheinlösung. Um diesen Konflikt in mir zu lösen, war ich lange Zeit auf der Suche. Ich habe zahlreiche Methoden ausprobiert. Dabei habe ich in Bereichen nach der Lösung gesucht, in denen sie nicht zu finden war. Unterbewusst haben mich ausschließlich die Techniken angesprochen, die ich alleine durchführen konnte, wie beispielsweise Meditation oder Innere-Kind-Arbeit.
Die Lösung lag genau dort, wo meine größte Angst saß – in einem echten Kontakt.
Meine Verknüpfung „Kontakt = Lebensgefahr“ entstand in meiner Kindheit durch Erfahrung von Gewalt, ausgeführt durch Menschen, die für meine Fürsorge verantwortlich waren.
Jetzt ging es darum, eine neue Erfahrung in Bezug auf Kontakt zu etablieren. Zunächst habe ich für sichere Verbindungen gesorgt und dann damit begonnen, mich innerhalb dieses geschützten Rahmens ehrlich mitzuteilen. Ich habe gelernt, meine tiefsten Ängste auszusprechen.
„Ich habe Angst, dass Du mich alleine lässt, wenn ich Schwäche zeige.“
„Ich habe Angst, dass Du mich ablehnst und verurteilst, wenn ich Dir mitteile, wie es mir geht.“
„Ich habe Angst, dass es Dich nicht interessiert, wie es mir wirklich geht.“
Ich durfte neue Erfahrungen machen.
Meine Befürchtungen haben sich nicht erfüllt, das Gegenteil ist geschehen. Anstatt Trennung ist in diesen Verbindungen mehr Nähe entstanden. So konnte ich nach und nach meine Ängste nachhaltig auflösen. Über den Körper und über das aktive In-Kontakt-treten konnten sich die Automatismen in meinem vegetativen Nervensystem auflösen.